Des Türkens Herz bezwingt des Engländers Geld
Fenerbahce war bis gestern ein absoluter Underdog in der Königsklasse Europas, obwohl sie auf ihrem Wege nach Moskau Vereine besiegt haben, denen man sogar die Favoritenrolle zuschrieb. Inter Mailand, der UEFA- Meister der vergangenen zwei Jahre Sevilla, PSV Eindhoven und ZSKA Moskau mussten alle vor den Istanbulern in die Knie gehen. Nun hatte der Gegner doch eine ganz andere Dimension. Der FC Chelsea, mit 422.500.000 EUR der mit Abstand teuerste Club der Welt, war nun zu Gast in Istanbul. Klarer Favorit. Ein Kader voller Stars. Selbstbewusst marschierten sie in das bis in die letzte Ecke gefüllte Sükrü Saracoglu Stadion. Siegessicher schritten sie auf das Feld, mit gehobener Brust.
Als der Minutenzähler die Zahl 13 anzeigte, fühlten sich die Londoner in ihrer Selbstsicherheit bestätigt. Mit einem unglücklichen Eigentor von Deivid nach einer flachen Flanke in den Strafraum führten die Engländer das Spiel nun mit 0:1 an. Stille. Während Istanbul und ganz Türkei unter Schock standen, jubelten alle Fans des Traditionsclubs ihre Freude in den Himmel. War alles verloren?
Man sah den Profis aus Istanbul an, dass auch sie völlig demoralisiert waren und dementsprechend auch nicht eine einzige Chance in der gesamten ersten Halbzeit ausarbeiten konnten. Im Gegenteil: Torhüter Volkan Demirel hatte sogar noch viel Arbeit zu leisten, ehe sie mit diesem 0:1 in die Pause gingen. Der Halbzeitpfiff kam nur zurecht. Würden sie sich zur zweiten Hälfte wieder einkriegen?
Trainer Zico wird in der Halbzeit wohl eine sehr effektive Ansage gehalten haben müssen, dass sich seine Mannschaft dermaßen veränderte und nun anfing, mit den Engländern zu tanzen. Es schien so, als habe Fenerbahce seine lähmende Maske endlich abgelegt und zeige nun seine wahre Stärke. Auch wenn es einige gefährlichen Aktionen vor allem seitens Didier Drogba standzuhalten galt, wussten es die Türken nach vorne zu spielen und letztendlich auch Druck zu machen. Eine Chance nach dem anderen hatten die Türken zu verzeichnen – doch nur kein Tor. Ein Eckball nach dem anderen wurde in den Strafraum der zuletzt siegessicheren Engländer gespielt. Die Abwehr musste schwitzen, Cudicini konnte sich oftmals als glücklich schätzen. Auch gab es nicht wenige kritische Szenen, bei denen der ein oder andere Schiedsrichter den Elfmeterpunkt gezeigt hätte. Doch ein Sieg wird niemals verschenkt. Er muss erkämpft werden.
Arthur Zico, einst als „Weißer Pele“ bezeichnet, nun an der Spitze eines Clubs, das ganz Europa erschüttert, griff in das Spielgeschehen ein und wechselte seinen Youngster Colin Kazim „Kazim“ Richards ein. Es kam frische, junge Energie in die Partie rein. Colin Kazim überzeugte zunächst mit einigen künstlerischen Dribblings, ehe dann sein Ehrgeiz belohnt wurde. Es war soweit. Der Ausgleich fiel. Als der Minutenanzeiger die 65. Minute zeigte, spielte Mehmet Aurelio so geschickt den Ball hinter die Abwehr, dass Kazim frei vor Cudicini stand und durch einen exzellenten Schuss mit dem Außenriss den Ball an der linken Seite des italienischen Torhüters im Netz flattern ließ. Istanbul bebte. London schwieg. Doch das letzte Wort war noch nicht gesprochen.
Man sah den Türken an, dass sie diejenigen waren, die in die nächste Runde einziehen möchten. Sie spielten mit Herz und Seele. Sie spielten für Ruhm und Ehre. Und sie führten das Starensemble aus England letztendlich in der zweiten Halbzeit auch vor. Es fehlte nur noch ein Treffer, das Netz musste nur noch ein einziges Mal flattern. Die Stimmung im Stadion war so großartig, dass die Profis vermutlich nicht einmal ihre eigene Stimme hätten wahrnehmen können. Ohrenbetäubende Jubelschreie rund um das Feld. Diese Mannschaft hätte es verdient, diese Fans hätten es verdient. Die Hände wurden zum Himmel gestreckt, die Augen ins Blaue gerichtet. Jeder hoffte auf den zweiten Treffer, und jeder wusste, dass dieser kommen musste, um alle Chancen zu bewahren.
Es war exakt 10 Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit. Eigentlich ein äußerst normaler, kein außergewöhnlicher oder gefährlicher Angriff. Der Ball wandert zunächst von der Abwehr über das Mittelfeld in Richtung Sturm. Deivid kriegt den Ball. Deivid, der zu Beginn der Partie unglücklich den Ball im eigenen Tor versinken ließ. Aber der Deivid, der um die Torjägerkrone der Champions League kämpft. Retter Fenerbahces gegen Sevilla. Aus 30 Metern ein Distanzschuss, dazu auch noch aus dem Stand. Cudicini ist machtlos, denn der Ball schießt mit letzter Geschwindigkeit in den Winkel hinein. Erneut bebt Istanbul. Erneut schweigt London.
Wie sagt man so schön? Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Fenerbahce hat das Ticket für das Halbfinale der Königsklasse halbwegs eingelöst. Alle Wege stehen ihnen nun offen. Zweifellos werden sie im Stamford Bridge nun mit großer Selbstsicherheit auftreten. Und mit einem guten Spiel in die Geschichte eingehen.
Abramovich wurde in einer Nacht vom Milliardär zum Tellerwäscher. Nun kann er versuchen, den „Dreck“ seiner Mannschaft im Rückspiel „vom Teller zu waschen“. Eines sollte man nämlich niemals vergessen: Des Türkens Herz bezwingt des Engländers Geld!

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2 Kommentare
1.
ömer sahin schrieb am 07. April 2008 um 14:48
Also zunächst einmal kann ich nicht verstehen,wie bisslang keine kommentare zu diesem text abgegeben wurden.ich muss sagen dieser text ist einfach grandios geschrieben und hat mich sehr bewegt.ich bin mir sicher,isnallah das fenerbahce in london die ganze welt in staunen versetzen wird und ins halbfinal einziehen wird.danach wird uns keiner stoppen können und deivid wird mit seinem tor 8-9 das finale für fenerbahce entscheiden und wieder einmal wird es eine englische manschaft sein.MANCHESTER UNITED!
lg
2.
B. A. schrieb am 07. April 2008 um 16:55
Zunächst einmal vielen Dank für deine aufbauenden Worte. Solange man positive Rückmeldung erhält, macht einem das bloggen auch Spaß.
Zum eigentlichen Thema: Der Schlüssel zum Erfolg dürfte meiner Meinung nach darin liegen, den Gegner nicht zu sehr zu respektieren, sondern sich selbst Respekt zu verschaffen. Jeder hat gesehen, dass die Londoner zwar einzeln gesehen sehr gut sind, aber als Ganzes keinesfalls besser als Fenerbahce. Die Istanbuler werden es schaffen, davon bin ich fest überzeugt.
Wie es danach weitergeht, diskutieren wir, wenn es so weit ist