Türkische Revanche ist hart: Schweiz raus!
Es war das meist umstrittene Spiel des gesamten Turniers – nicht umsonst. Denn die letzten zwei Aufeinandertreffen dieser beiden Nationen verlief alles andere als friedlich. Vor genau drei Jahren, während der Qualifikationsphase der WM 2006, gab es extreme Ausschreitungen, die vermutlich in die Fußballgeschichte eingegangen sind. Die feindliche Stimmung begann bereits im Hinspiel in der Schweiz, als die Gastgeber die türkische Nationalhymne respektlos ausgepfiffen haben, ehe es dann im Rückspiel in Istanbul seinen Höhepunkt erreichte: Nach einigen Gereiztheiten nach dem Abpfiff prügelten sich die Profis auf dem Felde. Fäuste und Tritte waren Gang und Gebe, die Fans bekamen hässliche Szenen zu sehen. Resultat: Türken waren nicht an der Weltmeisterschaft beteiligt, haben drei Spiele Fansperre erhalten und mussten auf Spieler wie Emre oder Alpay fünf Partien lang verzichten. Die Schmerzen dieser beiden Begegnungen waren bis gestern Abend noch zu spüren – nun sind sie eingedämmt.
Mit dem Anpfiff wurde schon das Gefühl vermittelt, als könnte man sich glücklich schätzen, Zeuge einer solch spannenden Partie zu sein. Ein temporeiches Spiel war allen Zuschauern garantiert. Doch dann lief etwas schief: Graue Wolken bedeckten den Himmel – Wolken, die so grau waren wie die Stimmung vor drei Jahren. Es regnete so als würde jemand den Fußballtempel in ein Wasserballstadion umwandeln wollen. Pausenlos. Schon nach wenigen Minuten war das Feld nur noch mit hohen Bällen bespielbar, was die Schweizer allerdings etwas früher registrieren konnten: In der 32. Minute schafften es die Gastgeber den Ball durch gute Kombinationen zum gebürtigen Türken Eren Derdiyok zu bringen, der ihn allerdings flach reinspielte. Der Ball blieb vor dem Tor in einer Pfütze stecken, wurde aber noch rechtzeitig vom ebenfalls gebürtigen Türken Hakan Yakin verwandelt. Drohte den Türken ein erneutes Desaster?
Man muss sagen, dass die Partie die gesamte erste Hälfte lang von den Schweizern dominiert wurde, wenn auch nicht so drastisch. Die Elf in rot-weiß hatte enorme Schwierigkeiten mit den Spielbedingungen und konnte deshalb auch keine nennenswerten Angriffe starten. Man befürchtete: Müssen wir Zeuge einer zweiten 96er Blamage werden?
Im zweiten Durchgang war eine ganz andere Türkei zu sehen. Der Platz hatte sich erholt, der Ball blieb nicht mehr stecken und die Spieler mussten auch nicht mehr in große Pfützen treten, was den Südländern natürlich zu Recht kam. Die Partie fing erst jetzt an. Beide Teams kämpften um den Ball, um ein Tor, um die so wichtigen drei Punkte, doch im Gegensatz zur ersten Hälfte waren es nun die Türken, die mehr überzeugten. Dennoch kann man von einem recht ausgeglichenen Spiel reden, da beide Seiten sehr gute Torchancen erarbeiten konnten. Die Türken aber mit einer besseren Verwertung. Als der Minutenanzeiger die 57 anzeigte, flankte Spanien-Legionär Nihat Kahveci den Ball so perfekt rein, dass Semih Sentürk ihn nur noch hineinköpfen musste: Ausgleich.
Ab diesem Zeitpunkt ging das Spiel hin und her, sichere Chancen für beide Teams. Spieler des Tages auf Seiten der Türken war somit zweifellos Torhüter Volkan Demirel, der mit seinen unglaublichen Paraden die größte Rolle bei diesem Sieg gespielt hat. Die Nation hat ihm sehr viel zu verdanken. Er hat erneut sein Können unter Beweis gestellt und gezeigt, dass er nicht umsonst die erste Wahl auf dieser Position ist.
Als schon der eine oder andere begann, sich mit einem Remis abzufinden und die Bedingungen zu berechnen, wie man trotz eines Unentschiedens in die nächste Runde einziehen könnte, trat Galatasaray-Star Arda Turan auf die Bühne. Es war die 93. Minute, als er sich bis an den Strafraum kämpfte und so effektiv abzog, dass der Ball das Netz flattern ließ: Siegtreffer. Bernaglio chancenlos, die Schweiz fassungslos, denn sie sind aus dem Turnier ausgeschieden und können sich nun voll und ganz auf ihre Pflichten als Gastgeberland konzentrieren. Man sollte eben auch mal die guten Seiten einer Niederlage sehen können.
Das eigentlich Positive an dieser Begegnung ist aber etwas völlig anderes gewesen. Die bereits erwähnte feindliche Einstellung der Fußballteams dieser beiden Nationen hat sich mit dem gestrigen Aufeinandertreffen in der Luft aufgelöst. Freundschaftliche Gesten zwischen den Spielern standen an der Tagesordnung. Nach einem Faul wurde dem Gegner wieder hochgeholfen, in den wenigsten Fällen nur beim Schiedsrichter reklamiert. Eine neue, weiße Seite in den Beziehungen zwischen der schweizerischen und dem türkischen Fußball wurde aufgeschlagen. Man hofft, dass diese nie wieder befleckt wird.
Einige Worte sind noch zur türkischen Aufstellung zu sagen. Bedingt durch den Ausfall Emres musste für ihn Tümer Metin eingesetzt werden, da man auf dieser Position sonst keine andere Alternative mehr hat. Yildiray Bastürk wurde bekanntlich überraschenderweise wieder nach Stuttgart geschickt und steht der Nationalmannschaft dank Fatih Terim nicht zur Verfügung. Colin Kazim Richards wurde auch auf die Bank gesetzt, was ich für falsch hielt, da Gökdeniz, der stattdessen auflief, sehr glanzlos war. Im Abwehrbereich konnte glücklicherweise Servet Cetin trotz seiner Verletzung vom Spiel gegen die Portugiesen zum Einsatz kommen. Gökhan Zan wurde von Emre Asik vertreten, der sich tapfer geschlagen hat: In der Endphase der Partie war sein Gesicht nach einem unglücklichen Zusammenstoß mit einem Schweizer blutüberströmt – dennoch spielte er weiter und lies seine Teamkollegen nicht allein. Mit diesem Zusammenhalt, diesem Kampfgeist, dieser Spielweise und dieser Motivation scheint der Einzug ins Viertelfinale gar nicht einmal so weit zu sein.

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2 Kommentare
1.
15 Minuten genügen den Türken « Europameisterschaft 2008, EM 2008, Türkei, Tschechien, Grußße A, Schweiz, Österreich, Portugal, Fatih Terim, Karel Brückner, Stade de Geneve, Zuschauer, Schweden, schwedischer Schi schrieb am 16. June 2008 um 17:04
[...] genügen den Türken Was ein Spiel. Die türkische Elf hat die gesamte Nation, wie schon in der Partie zuvor gegen die Schweiz, 75 Minuten lang zittern lassen. Ein Bangen um die vermeintlich verpasste Endrunde. Schweigen an [...]
2.
Türkischer Workshop: Wie dreht man ein Spiel? « Europameisterschaft 2008, EM 2008, Türkei, Schweiz, Tschechien, Russland, Griechenland, Gruppe A, Gruppe D, Aufholjagd, Jan Koller, Brückner, Fatih Terim, Antagonist, Protagonist, Filmin schrieb am 16. June 2008 um 17:35
[...] zwei Mal. Das erste Beispiel lässt sich im zweiten Spieltag der Gruppe A wieder finden. Schweiz-Türkei heißt es, der Verlierer fliegt. Zunächst führen die Schweizer durch ein Tor des gebürtigen [...]