16. June 2008

15 Minuten genügen den Türken

Was ein Spiel. Die türkische Elf hat die gesamte Nation, wie schon in der Partie zuvor gegen die Schweiz, 75 Minuten lang zittern lassen. Ein Bangen um die vermeintlich verpasste Endrunde. Schweigen an den Public Viewing-Orten im Lande, verlorener Glaube bei vielen Fans. Bei anderen vielleicht doch noch ein Funken der Hoffnung, der aber spätestens nach dem 2:0 durch Plasil zu verschwinden drohte. Ein Beispiel für eine gelungene Aufholjagd hatte man ja bereits von vor vier Tagen im Gedächtnis, doch da stand es „nur“ 0:1. Dieses Mal war die Führung der Gegner um einen Treffer zu hoch ausgefallen.

Großartig muss man das Spiel nicht analysieren. Der erste Durchgang hatte den Zuschauern nicht Vieles zu bieten. Eine an Chancen sehr magere Halbzeit, geprägt durch Jan Kollers Kopfballtor aus sechs Metern. Schönes Ding, vom greisen Stürmer, aber auch eine seiner wenigen Aktionen. Mit Milan Baros hätte Karel Brückner, der übrigens nach dem gestrigen Spiel seinen Amt aufgegeben hat, vielleicht doch die bessere Wahl getroffen, da die Mannschaft somit nicht ständig mit hohen Bällen hätte agieren müssen. Dass die türkische Abwehr mit Servet Cetin bei Kopfballduellen nur sehr schwer zu schlagen ist, hat sich nämlich gestern unter Beweis gestellt.

Dass die ersten 45 Minuten recht öde vergangen sind, lag auch an dem vielleicht zu sicherem Spiel der türkischen Nationalmannschaft. Schaute man auf die Ballbesitzanteile der beiden Nationen, so bekam man zu sehen, dass die Türken deutlich mehr am Zug waren. Jedoch nicht, weil sie den Ball so hervorragend innehalten konnten, sondern vielmehr, weil sie sich ständig in der Abwehr den Ball hin- und hergeschoben haben. Zum Glück änderte sich diese Einstellung in der zweiten Hälfte. Das Spektakel fing an.

Fatih Terim wechselte mit dem Anpfiff den kleinen doch sehr flinken Rechtsverteidiger Sabri Sarioglu von Galatasaray Istanbul ein. Semih Sentürk, von dem man in der ersten Halbzeit nicht viel zu sehen bekam (er war aber übrigens nicht der einzige, der abwesend erschien), musste das Spiel stattdessen von der Seitenlinie verfolgen. Auf dem ersten Blick schien diese Auswechslung auch für mich sehr fehlerhaft zu sein, doch bei näherem Betrachten bemerkt man, dass es ein Meisterzug Terims war. Denn: Die Tschechen griffen fast ausschließlich von ihrer rechten Seite an, sprich von Arda Turan und Hakan Baltas Einsatzgebiet. Der rechte Flügel der Türken also war sehr unbelastet. Mit Hamit Altintop in der Defensive und Tuncay (gelegentlich auch Mehmet Topal) in der Offensive hatte man hier zwei Jungs, die der Mannschaft auf der Suche nach Toren sehr nützlich sein könnten. Also ging Semih raus, Tuncay rutschte in die offensive Mitte, Altintop wurde von der rechten Abwehrseite ins rechte Mittelfeld verlagert und Sabri dann auf die rechte Seite der Defensive hinzumontiert. Mit Sabri und Altintop hatte man nun auf der rechten Seite zwei Profis, die beide sowohl offensiv als auch defensiv von großer Qualität sind. Siehe da: Das 1:2 durch Youngstar Arda Turan fiel nach einer Flanke von Altintop. Die Taktik ging auf.

Mit diesem Ergebnis wären die Tschechen die Glücklichen, deshalb brauchten die Türken unbedingt noch wenigstens den Ausgleich, damit der Sieger dann durch das Elfmeterschießen bestimmt werden könnte. Also volle Kraft voraus!

Kurz vor Schluss, in der 87. Minute, kam erneut eine Flanke von der rechten Seite der Türken, den Torhüter Petr Cech jedoch sicher in den Händen zu halten schien. Aber auch der beste Torwart der heutigen Zeit kann mal patzen – dass dieser Patzer in einer solch wichtigen Partie passiert, ist wohl schlicht und einfach Pech. Er hatte den Ball vor die Füße Nihats fallen lassen, der ihn mit Leichtigkeit verwandelte: Ausgleich. Also doch Elfmeterschießen?

Die Türkei war erleichtert. Man machte sich schon Gedanken darüber, wer denn nun die richtigen Elfmeterschützen seien. Nihat, Tuncay, Arda und Altintop waren die ersten Namen, die einem so prompt in die Gedanken fielen. Dann dachte man über Volkan nach – könnte er trotz seiner nicht unbedingt überragenden Leistung in diesem Spiel zum Held des Tages werden, oder wäre er nur eine leichte Beute für die tschechischen Schützen?

Während die Zuschauer sich noch mit diesen Fragen beschäftigten, waren es nicht einmal zwei Minuten vergangen, schon musste Petr Cech erneut hinter sich greifen. Wieder war es Spanien-Legionär Nihat, der vor wenigen Momenten noch Cechs Fehler eiskalt ausgenutzt hatte. Nun war es ihm gelungen, sich hinter die Abwehr Brückners zu schleichen. Er bekam den Pass, legte den Ball vor sich hin, warf einen Blick auf den herannahenden Cech und seinen Kasten und schoss die Kugel mit höchster Präzision ins lange obere Eck. Unfassbar, dass die Türken innerhalb von 15 Minuten von einem 0:2 auf ein 3:2 gekommen sind. Dieser Mannschaft ist alles Positive zuzutrauen.

Wer der Meinung war, dass die Partie nun gegessen sei, lag falsch. Einen Höhepunkt gab es noch, wenn auch nicht ein so Tolles wie die Treffer in der Viertelstunde zuvor. Es war ein „stinknormaler“ tschechischer Angriff, nicht unbedingt von großer Gefährlichkeit. Bemühungen eben, um ihre Blamage doch noch wettzumachen und das Spiel zu den Elfmetern zu tragen. Es war die zweite Minute der Nachspielzeit, zwei waren danach noch zu spielen. Die Fans bekamen einen Volkan-Klassiker zu sehen – leider. Nachdem der Ball sich von der Gefahrenzone etwas entfernt hatte, sprach Jan Koller dem türkischen Torhüter für uns unverständliche Worte zu. In diesem Moment drehte sich Volkan um, lief auf ihn zu und wurde ein wenig handgreiflich, indem er Koller einen leichten Schubser verpasste. Der 2,06 Meter große Koller lag komischerweise sofort auf dem Boden, sein Gesicht in den Händen vergraben. Seit wann haben sie Schmerzen im Gesicht, Herr Koller, wenn man ihnen an die Brust fasst?

Jedenfalls bekam Volkan die rote Karte gezeigt, eigentlich auch zu Recht. Da Terim bereits drei Mal ausgewechselt hatte, konnte kein neuer Torhüter den Rasen betreten, was dazu geführt hat, dass Tuncay diesen Posten übernahm. Das Spiel wurde aber ohne weitere tschechische Angriffe beendet, sodass Tuncay keine Parade leisten musste. Ein Glück für die Türken, da es im Falle eines Elfmeterschießens ohne einen „richtigen“ Torwart zu enormen Problemen geführt hätte.

Der Gegner im Viertelfinale lautet Deutschland- und England-Bezwinger Kroatien. Hört sich schwer an, ist es aber im Gegensatz zu einem Spiel wie gestern keinesfalls. Der Nachteil liegt darin, dass vier von vier nominierten Innenverteidigern nun eine Verletzung haben (Gökhan Zan und Emre Asik verletzt im Spiel gegen die Schweiz, Emre Güngör verletzt im Spiel gegen Tschechien und Servet Cetin verletzt aus dem 34. Spieltag der Turkcell Süper Lig). Zwei von ihnen werden zwar spielen müssen, dass sie aber leistungsschwächer sind, steht nicht zur Diskussion. Darüber hinaus fehlt Mehmet Aurelio, der aufgrund seiner zweiten gelben Karte ein Spiel aussetzen muss. Der Ausfall Volkans wiegt nicht allzu schwer, da Rüstü Recber mit Sicherheit keine schlechte Alternative darstellt.

Die Türken können also vier Tage lang diesen Erfolg feiern. Wenn es dann am Freitag gegen Kroatien geht, wird gebeten, dass man zunächst einmal ein Tor kassiert und es dann beginnt zu regnen. Mit diesen Bedingungen dürfte nichts schief laufen.

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Ein Kommentar

1. essay editing schrieb am 15. October 2011 um 18:43

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