Türken beben ganz Europa
Sie sind die Sensation des Turniers, die größte Überraschung, für die Gegner ein Alptraum und die reinste Enttäuschung. Von der Türkei ist die Rede. Von der Nation, die drei von vier Partien mit einer fulminanten Aufholjagd noch für sich zu entscheiden wusste. Die Mannschaft, die in all den Spielen lediglich neun Minuten in Führung war, nun aber dennoch im Halbfinale steht. Zweieinhalb minütige Führung gegen die Schweiz, Sechseinhalb Minuten die Nase vorne gehabt gegen die Tschechen. Gestern, gegen die Kroaten im Viertelfinale der UEFA Euro 2008, waren es nur einige wenige Sekunden. Eine Mannschaft, die selbst den Riesen Europas Angst bereitet. Niemand kann sie einschätzen, jeder ist dazu verpflichtet, sie zu respektieren, denn bei dem kleinsten Fehler stehen schon ganz andere Zahlen auf dem Scoreboard. Das ist die Türkei, das ist türkischer Kampfgeist.
Mit den Leistungen gegen die Schweiz aber vor allem gegen Tschechien war schon für sehr großes Aufsehen gesorgt worden, sodass Slaven Bilic, kroatischer Nationaltrainer, vor der Partie recht vorsichtig klang. Keine zu selbstsicheren Aussagen, nur, dass man (selbstverständlich) als Sieger hervorgehen möchte. Möchte? Na das musste erst einmal zugelassen werden, denn der Gegner hieß immer noch Türkei. Bekanntlicherweise bärenstark, wenn es um K.O.-Spiele geht – und dieses war eines davon.
Minimierter Kader kein Klotz am Bein
Die Türken hatten aber viele Ausfälle zu beklagen. So konnte Abwehrass Servet Cetin aufgrund seiner Leisteprobleme am Bein nicht auflaufen. Er wurde von Gökhan Zan ersetzt, der aber auch angeschlagen war. Man hatte leider keine andere Wahl mehr. Torhüter Volkan Demirel war rotgesperrt, zwei Partien muss er aussetzen, wird also auch gegen Deutschland fehlen. Mehmet Aurelio war ebenfalls gesperrt, Spielmacher Emre Belözoglu sowie Innenverteidiger Emre Güngör waren verletzt. Die Aufstellung Terims war also eine mehr oder weniger gezwungene Formation, sollte deshalb nicht kritisiert werden. Abgesehen davon funktionierte sie aber – mit Ausnahme der beiden Innenverteidiger – recht gut. Lediglich Nihat war in der Spitze unterbeschäftigt.
90 Minuten ausgeglichenes Gähnspiel
Die Partie begann mit einer türkischen Dominanz, die aber zu nichts führte. Die kroatische Abwehr stand vom An- bis zum Abpfiff stets souverän, erlaubte sich keine Fehler. Klassisch Kroatien eben. Nachdem sie sich aber ein wenig eingespielt hatten, war die türkische Dominanz sofort verschwunden. Kroatien war in der Lage, sich aus der linken Seite der Türken hinter die Abwehr zu schmuggeln und gefährliche Angriffe zu starten. Mal verhinderte der Pfosten Schlimmeres, mal stand Keeper Rüstü an der richtigen Stelle oder aber die Kroaten versemmelten ihre Chancen kläglich. Auf der Gegenseite konnte es die Elf von Fatih Terim zu keiner gefährlichen Szene bringen. Lediglich Distanzschüsse hielten Pletikosa am Laufenden.
In dieser Form lief die gesamte Partie ab, mit einem Unterschied: In der zweiten Hälfte wurde es nur noch langweiliger. Die Angriffe der Kroaten wurden in großem Maße eingedämmt, nur noch vereinzelt waren gefährliche Aktionen zu besichtigen. Türkische Angriffe gab es ohnehin nicht. So lebte das Match nur von der Spannung, von der Leidenschaft, vom kämpferischen Spielstil beider Teams. Fußballerisch war den Zuschauern aber nur das Mindeste geboten. Gäbe es nicht Modric und Arda, die beiden Techniker, sähe die Begegnung noch glanzloser aus.
…und noch einmal 30 Minuten drauf
Nach 90 Minuten stand es fest, dass es das erste Verlängerungsspiel des Turniers sein würde. Noch einmal 30 Minuten drauf – eine echte Härteprobe für die Profis auf dem Rasen. Aber auch für Terim, der ja in seiner Coachingzone mindestens so viel Strecke zurücklässt wie seine Spieler auf dem Felde. Dennoch war die Verlängerungsphase ein wenig attraktiver geworden. Die Kroaten wurden völlig in ihre Hälfte zurückgedrängt, die Türken überragten mit ihrer unglaublichen Kondition und ihrem Durchhaltevermögen, das man so bei keiner anderen Nation dieser Erde antreffen kann. Nun entwickelten auch die Jungs in rot-weiß einige Angriffe. Semih, der in der 75. Minute eingewechselt worden war (vermutlich mit der Hoffnung, man könne das Spiel wie gegen Tschechien in den letzten 15 Minuten drehen), und Nihat, das gesamte Spiel über völlig absent, konnten ihre Chancen nicht verwerten. In der 115. Minute dann musste Nihat ausgewechselt werden, weil er sich bei der Ausführung eines Freistoßes an der Wade verletzt hat. Eine bittere Enttäuschung, weil der sicherste Elfmeterschütze nun fehlen würde.
Als sich alle schon auf das Elfmeterschießen vorbereitet hatten, wurden die Türken kurzzeitig in einen Schockzustand versetzt. Nach einem unglaublichen Fehler des erfahrensten türkischen Torhüters Rüstü Recber war es in der 119. Minute Klasnic gelungen, seine Mannschaft in Führung zu bringen. Man dachte sich wohl, dass ein Last-Minute-Treffer die beste Methode gegen die Türken sei, da sie dann keine Zeit mehr hätten, das Spiel aufzudrehen. Dieser Irrtum sollte sich in den Sekunden danach als bittere Strafe aufweisen. Nach dem Treffer schossen die Türken den Ball immer wieder in den gegnerischen Strafraum, in der Hoffnung, das Spiel wenigstens zu den Elfmetern zu tragen. In einem dieser Versuche brachte Rüstü den Ball erneut an die Spitze, Semih kontrollierte und besiegte letztendlich Pletikosa. Die Führung der Kroaten war egalisiert. Fragt mich nicht nach Details des Treffers – ich war in einem solch unbeschreiblichen Zustand, dass ich mich nur noch wage daran erinnere.
Und wieder war ein Spiel gedreht, wieder wurde Geschichte geschrieben. Diesen Turniergang der türkischen Nationalmannschaft müsste man als Beispiel für den im Fußball so wichtigen Willen, dem Kampfgeist, oder aber ganz einfach gesehen dem Herz sehen und dies den Fußballschülern als Lehre vorzeigen. Die wichtigste Erkenntnis: Ein Spiel dauert 90 Minuten, manchmal sogar 120 + Elfmeterschießen, und auch die letzte Spielminute ist gleichwertig wie die erste. Also: Die Konzentration muss über die gesamte Partie hinaus bestehen bleiben. Genau das ist bei den Türken eine mittlerweile perfektionierte Fähigkeit.
Türken klar überlegen beim Elfmeterschießen
Wer beim Elfmeterschießen als Sieger hervorgehen würde, war nun kein Rätsel mehr. Die Kroaten waren enttäuscht, am Boden zerstört und zudem auch noch körperlich völlig erschöpft. Modrich & Co. waren dermaßen demoralisiert, dass sie die erwähnte Konzentration nicht aufweisen konnten. Im Gegensatz zu diesen waren die Türken vielleicht sogar übermotiviert. Sie wussten: Bei solchen Partien gehen wir nicht als Verlierer hervor.
Alle türkischen Elfmeterschützen verwandelten sicher. Semih, Arda, Tuncay und Altintop. Dagegen schossen Modric und Rakitic daneben, Petrics Schuss wurde von Rüstü pariert. Der zweite Halbfinalist, der deutsche Gegner, das nächste Team unter den ersten vier Europas stand fest: Es waren die Türken.
Der Glaube an das Halbfinale
Auch die Begegnung gegen Deutschland wird vermutlich eine Zitterpartie sein, da die Türken sehr geschwächt sind. Alle Innenverteidiger sind verletzt oder angeschlagen, Emre Asik zudem auch noch gesperrt. Emre Güngör wird in diesem Turnier kein Spiel mehr bestreiten – zu schwer verletzt. Servet wird es vermutlich bis Mittwoch nicht mehr schaffen. Gökhan Zan ist zwar leicht verletzt, muss dann aber dennoch auflaufen. Wer neben ihm spielt ist ein großes Fragezeichen. Arda und Tuncay sind nun dank dem angeblich unparteiischen Schiedsrichter gelbgesperrt, Volkan kann ohnehin nicht seinen Posten übernehmen, Emre ist verletzt. Ob Nihat die Deutschen beängstigen kann, wird nach der morgigen Prognose feststehen.
Trotzdem glaubt die gesamte Nation an den Einzug ins Finale, denn das Endspiel war den Türken noch nie so nah. Ein Sieg und die ganze Welt wird über das Können dieser Jungs erstaunt sein. Wir glauben an euch: Zeigt, was ihr drauf habt, leistet euer Bestes und nicht einmal der Goliath Europas wird euch stoppen können.

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6 Kommentare
1.
Beko schrieb am 22. June 2008 um 13:18
Noch heute fällt es mir schwer daran zu glauben, dass die Türkei in der letzten Sekunde die Kroaten geschlagen hat. Wer sich die Partie angesehen hat, weiß, dass sich nicht nur Kampfgeist ausgezahlt hat - die türkischen Spieler kennen nämlich keine Grenzen - sondern sie hatten auch sehr viel Glück.
Bisweilen kennt man das letztere eigentlich nur von der deutschen Nationalmannschaft. Nun scheint sich das Glück an die Seite der Türken gewendet zu haben. Dem nächsten Gegner Deutschland gebührt Respekt und Anerkennung. Der strahlende Sieger sollte aber Türkei heißen. Sie haben es sich verdient.
2.
T.B. schrieb am 23. June 2008 um 15:56
Sehr emotional und treffend geschrieben, großes Lob dafür. Weitesgehend bleibst du in deinen Texten unparteiisch, was ich sehr lobenswert finde. Klar, in manchen Situationen und Dingen wird deutlich für welche Mannschaft dein Herz schlägt, aber ich denke das ist völlig menschlich und bei jedem auffindbar. Du hast erkannt das in der regulären, wirklich einschläfernden, Spielzeit die Kroaten stärker waren, die Türken jedoch gestärkt in die Verlängerung gingen (leider blieb es bis auf die emotionalen Momente wirklich trotz allem noch ein langweiliges Spiel). Die starke Mentalität und Willenskraft der Türken ist wirklich bemerkenswert, jedoch kann man trotzdem guten Willens von Glück reden, dass die Tore immer noch ermöglicht werden. Ich möchte keinesfalls sagen, dass die Türken daran nicht auch selbst beteiligt sind, denn ihr Spiel wird plötzlich enorm besser, trotzdem gehört auch Glück dazu noch zu treffen und die Tatsache, dass die Gegner es noch zulassen.
Zu dem Halbfinale denke ich, dass beide Teams verdient ins Finale einziehen würden und hoffe das niemand so enttäuscht über eine Niederlage ist, dass es zu extremen Auseinandersetzungen kommen wird, was jetzt schon viele Befürchten. Mein Herz schlägt für Deutschland und ich rechne damit, dass wir gewinnen, noch verstärkter durch die Ausfälle der Türken aber auch ohne dies, aber wie schon oft bewiesen wurde, im Fußball ist alles möglich.
3.
Burak Altas schrieb am 23. June 2008 um 17:35
Erst einmal vielen Dank für dein Lob, freutmich sehr zu hören
Wenn man über die Nation schreibt, für die das Herz an erster Stelle schlägt, kommen natürlich auch Bemerkungen hinzu, die das Emotionale hervorheben, aber ich denke, das macht die Sache vielleicht auch etwas interessanter.
Was das Glück angeht… Nun ja, Glück insofern, dass die Kroaten nicht getroffen haben. Wenn ich an die Chance Olics denke, der den Ball aus 4 Metern an die Latte knallt, muss man schon denken, dass entweder viel Glück an der türkischen Seite stand, oder aber eine “höhere Kraft” es einfach verhinderte.
Dass man in den letzten Minuten noch trifft, hat vielleicht nicht unbedingt mit Glück zu tun, denn wie erwähnt: Auch die 122. Minute ist gleichwertig wie die erste. Man könnte das aber neben dem starken Willen der Türken auch auf die Konzentrationsschwäche der Gegner zurückführen. In einem Moment, wo sie sich als Sieger sehen, werden sie geschlagen.
Fürs Halbfinale wünsche ich mir eine friedliche Stimmung. Aber mit solchen Maßnhmen wie z.B. der Ausfall von Public Viewing in Oberhausen bewirkt man das Gegenteil. Auch gegen Kroatien, Polen oder Österreich haben die Fans zusammen geschaut. Warum werden die Türken dann wie Wilde bezeichnet, die anfangen würden zu randalieren? Vorurteile?
4.
taufrisch schrieb am 23. June 2008 um 18:04
Halbfinale Deutschland vs Tuerkei…
[...] Ich hoffe natürlich, dass wir gewinnen - allerdings sollte man die Türken nicht unterschätzen. [...]…
5.
Yusuf D schrieb am 06. August 2008 um 23:14
echt super was die alles hier rein geschriebn haben…die wahrheit halt…
6.
Ardas schrieb am 12. January 2009 um 16:53
Ich kann es immer noch nicht glauben wie gut wir warn—zwar hat deutschland gewonnen,aber was mich erstaunt ist,dass wir unsere besten Spieler und unseren besten Torwart nicht hatten und Deutschland trotzdem schön zum Schwitzen gebracht haben