23. June 2008

Titelfavorit Niederlande sang- und klanglos ausgeschieden

Es war die große Überraschung der bisherigen Viertelfinalspiele. Holland, das Team mit den meisten Chancen, Toren und der besten Zweikampfbilanz der Vorrunde ist nach der gestrigen Vorstellung gegen Russland wieder einmal hinter den (oft selbst geweckten) Erwartungen zurückgeblieben. Das von Bondscoach Van Basten trainierte Team ließ alle Merkmale des bisher so erfolgreichen holländischen Spiels vermissen, denn nichts war mehr vom klugen Spielaufbau oder der überragenden Abschlussgenauigkeit zu sehen. Weder Spielmacher Wesley Sneijder noch Stürmer-Ass Ruud Van Nistelroy vermochten es, der drohenden 1:3 Niederlage was entgegen zu setzen.

Schon zu Beginn der Partie sahen die Zuschauer in Basel eine schlechte Mannschaft aus den Niederlanden, die den Bemühungen der Russen in jeder Hinsicht unterlegen war. Abgesehen von einer Großchance Pavlyuchenkos in Minute Nummer acht war es zunächst alleine Superstar Arshavin, der das ein oder andere Mal im Alleingang die Hintermannschaft in Verlegenheit zu bringen wusste, aber wie schon in der Vorrunde an seiner Abschlussschwäche scheiterte. Auf Seiten der Holländer war es Van der Sar, der Highlights setzen konnte – im Tor wohlgemerkt. So war es bezeichnend, dass die einzigen beiden Chancen aus einem unberührten Freistoß, der das Tor knapp verfehlte und einem Abwehrfehler der Russen resultierten. Hiddinks Team hingegen zeigt hinreißenden und schnellen Angriffsfußball, was über die gesamte erste Hälfte mit vielen Möglichkeiten belohnt wurde. So war es in der 31. Minute Arshavin, der nach einem kleinen Solo Van der Sar prüfte, den Ball aber nicht versenken konnte. Kolodin hatte im Anschluss die Chance, einen Distanzschuss aus 25 und wenig später 35 Metern zu verwandeln, scheiterte allerdings trotz technisch guter Schüsse am überragenden niederländischen Torwart. Schiedsrichter Lubos Michel pfiff die erste Halbzeit pünktlich nach 45 Minuten ab und es blieb beim Stand von 0:0, womit die Holländer gut bedient waren.

Der zweite Durchgang begann ähnlich, wie der erste aufgehört hatte. Es war nicht nur eine klare optische Überlegenheit der Russen, nein, sie beherrschten und kontrollierten das Spiel der Holländer nach belieben und setzten immer wieder Ausrufezeichen. Nach einigen weiteren vergebenen Tormöglichkeiten war es erneut Pavlyuchenko, der in Minute 56 eine Flanke von Semak verwertete, diesmal jedoch erfolgreich. Eins zu null für Russland, der erste Schritt zum großen Coup. In der Folge hatten Mintal, ein alter Bekannter aus der Bundesliga und Syrjanow, den zweiten Treffer auf dem Fuß, was ihnen zum Ärger Hiddinks abermals nicht gelang. Trotz des glücklosen russischen Spiels lief den Niederländern weiterhin die Zeit davon, was sie zum Bestürzen ihres Trainers und der zahlreichen Zuschauer ohne jegliche Gegenwehr zuließen. Kurz vor Abpfiff jedoch bekam Holland nach einem Freistoß Heitingas die Chance, den Ausgleich zu erzielen und nutzte dies in Gestalt von Ruud Van Nistelrooy. Es war zu diesem Zeitpunkt ein absolut unverdienter Ausgleich, was die 25.000 Fans nicht störte, welche die Oranjes anfeuerten. Wenig später war die reguläre Spielzeit vorbei und wieder einmal hatte ein Spiel bei dieser Europameisterschaft kurz vor Schluss eine unerwartete Wende erlebt – vorerst zumindest.

Um eines Vorweg zu nehmen: Die Partie blieb auch in der Nachspielzeit unverändert und es war nur ein Team, das stürmte, nämlich Russland. Vor allem Superstar Arshavin spielte hierbei eine tragende Rolle und zeigte alleine in der ersten Halbzeit der Verlängerung einige gute Schüsse und Vorlagen, immerhin mehr, als alles bisher Gezeigte der Niederländer.

So kam es folgerichtig in der zweiten Hälfte zum hochverdienten Führungstreffer der Russen. Arshavin vernaschte den völlig überforderten Ooijer und flankte in die Mitte, wo Torbinskiy am zweiten Pfosten zwei weiteren Gegenspielern entkommen war und nur noch mit dem Außenriss einschieben musste. Während Holland nochmals alle Kräfte mobilisieren wollte, zerstörte Arshavin – erneut nach einem schweren Abwehrfehler – alle Hoffnungen der Oranjes und schoss sein Team absolut verdient und Leistungsgerecht ins Halbfinale der Europameisterschaft. Wieder war es der erschreckend schwache Ooijer, der den Ball diesmal unglücklich abfälschte und Keeper Van der Sar zum dritten Mal chancenlos ließ. Es war die letzte nennenswerte Aktion der Partie, denn kurz darauf pfiff Schiedsrichter Michel, der selbst eine gute Leistung zeigte, ab.

Die Niederlande, erneut mit hohen Titelambitionen angereist, muss nun einmal mehr ohne Erfolg abreisen und lässt hunderttausende enttäuschte Fans zurück. Es war eine der schlechtesten Leistungen, die man bisher bei diesem Turnier gesehen hatte und das Team war nicht ansatzweise mit dem aus der Vorrunde zu vergleichen. So bleibt den holländischen Anhängern mal wieder nur die Hoffnung, dass die so oft ausgerufene „Goldene Generation“ bis zum nächsten großen Turnier endgültig reift und nach langer Zeit die Nase wieder vorne hat. Wie auch immer, eines steht fest. Die Ära Van Basten ist nach diesem Spiel beendet und das Land steht wieder dort, wo es schon oft genug stand: vor einer ungewissen Zukunft.

Autor: Habibi

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